„Atlantis war eine Insel, der vor 12.000 Jahren im Atlantik versank“ – so könnte ein Schulvortrag über Atlantis anfangen. So lautet auch der überwiegende Meinungsstand derer, die an Atlantis als wahrheitsnahe Überlieferung glauben.
Grund hierfür ist einerseits das zweitausendjährige Wirken der römischen Interpretation einer griechischen Saga und andererseits der Einfluss von Otto Muck, einem der führenden deutschen Atlantisforscher.

Klassische Sicht von Atlantis
Muck argumentierte recht kreativ: Ein Komet habe eine Magmablase im atlantischen Rücken „angestochen“, die dann wie ein Luftballon zusammengesunken sei und Atlantis mit in die Tiefe gerissen habe. Trotz aller Suche hat man den versunkenen Großkontinent bisher aber nicht gefunden und die Geologen versichern glaubhaft, im atlantischen Rücken keine Unregelmäßigkeiten feststellen zu können.
War Atlantis aber wirklich eine Insel? Und lag Atlantis wirklich im Atlantik? Dazu ist zu bedenken, dass die Atlantissage bis heute einen langen Weg hinter sich gebracht hat
Ursprüngliche Aufzeichnung - Erneuerungen/Sprachanpassungen - Übersetzung in ägyptisch - Interpretation durch Sonchis, den ägyptischen Priester - Übersetzung in Griechisch (Solon) - Aufzeichnung durch Plato – Übersetzung ins Deutsche
Selbstverständlich kommt es bei einem so holprigen Weg zu Verfälschungen. Da die Sage aber überwiegend schriftlich überliefert wurde, dürften sich Fehler vor allem bei der Übersetzung ergeben – immer dann, wenn der aktuelle Übersetzer mit dem geschriebenen inhaltlich nichts anfangen kann, obwohl er es wörtlich versteht.
Ein typisches Beispiel ist das Bergerz „Oreichalkos“, welches dem ägyptischen Priester nur noch dem Namen nach bekannt ist, weil sich „der Zeitgeist“ geändert hat.
Die Übersetzer aller Epochen waren mit dem Problem konfrontiert, dass Atlantis untergegangen war, so dass Lageangaben immer der Interpretation offen standen. Der Blickwinkel änderte sich einerseits, weil die Atlantissage in Ägypten verwahrt wurde, also nicht am Ort des Geschehens. Ein weiteres Problem war, dass sich der kulturelle Mittelpunkt von Kleinasien über Palästina, Ägypten, Kreta und Griechenland immer weiter in den Mittelmeerraum wechselte, so dass sich auch der Betrachtungswinkel änderte. Schließlich erweiterten neue Technologien wie die Hochseeschifffahrt die Reichweite und den Horizont der modernen Menschen.
Während Solon und Herodot wohl noch eine Idee gehabt haben mögen, wo Atlantis lag – es ist von der noch existenten Provinz Gadeiros die Rede – konnten die Römer damit gar nichts mehr anfangen. Das einzige unbekannte Land für sie war der Atlantik, und dahin verpflanzen sie Atlantis.
Der Atlantik wurde nach Atlantis benannt und so verfestigte sich der Glaube, dort sei Atlantis zu finden – ein Zirkelschluss.
Zunächst einmal kann man feststellen, dass der Begriff „Insel“ drei Verwendungen findet. Anfänglich beschreibt dieser Begriff das ganze Land Atlantis. Später bezieht sich der Begriff auf das zentrale Heiligtum, einen „allseits niedrigen Berg“ welcher von Wasserringen umschlossen ist. Die durch die Wasserringe abgeteilten Erdwälle selbst werden auch als Inseln bezeichnet. Dass dieses Zentralheiligtum samt Königssitz und Ringen tatsächlich eine Insel gewesen sein soll wollen wir hier nicht bestreiten, davon gehen wir vielmehr selbst aus.
Wie aber verhält es sich mit der Beschreibung des Landes?
„…vor dem Eingange, der, wie ihr sagt, die Säulen des Herakles heißt, befand sich eine Insel, größer als Asien und Libyen zusammengenommen, von welcher den damals Reisenden der Zugang zu den übrigen Inseln, von diesen aber zu dem ganzen gegenüberliegenden, an jenem wahren Meere gelegenen Festland offen stand. Denn das innerhalb jenes Einganges, von dem wir sprechen, Befindliche erscheint als ein Hafen mit einer engen Einfahrt; jenes aber wäre wohl wirklich ein Meer, das es umgebende Land aber mit dem vollsten Rechte ein Festland zu nennen.“
Hier meint man, das Mittelmeer sei ein Hafen mit einer engen Einfahrt, der Atlantik aber ein von Festland umgebenes Meer. Dies entspricht dem heutigen Weltbild, wenn man eine Weltkarte betrachtet. Für die Griechen und Ägypter und auch für die Römer war der Atlantik das Randmeer: Nach der Mythologie entstammte alles Wasser dem Pontos (Schwarzen Meer), wurde im Randmeer aufgefangen und von dort in den Pontos zurück geleitet.
Weltbild des Herodot (Euxine = Pontos = Schwarzes Meer)t
Die Griechen und Ägypter hatten definitiv keine Vorstellung darüber, dass der Atlantik von Festland umschlossen sein könnte – was er ja bei genauer Betrachtung ohnehin nicht ist. Gerüchteweise hätten später die Römer einmal Amerika besucht, vielleicht auch die Wikinger, entdeckt wurde Amerika aber erst annähernd 2000 Jahre später.
„An der Seeküste, gegen die Mitte der ganzen Insel, lag eine Ebene, die schöner und fruchtbarer als irgendeine gewesen sein soll.“
…
„So ward also jetzt so ziemlich das erzählt, was einstmals über die Stadt und die Umgebung des ursprünglichen Wohnsitzes berichtet wurde. Aber wir müssen auch zu berichten versuchen, wie die Natur und die Art der Einrichtung des übrigen Landes beschaffen waren. Erstens also war, der Erzählung nach, die ganze Gegend vom Meere aus sehr hoch und steil, das die Stadt Umschließende dagegen durchgängig eine ihrerseits von bis an das Meer herab laufenden Bergen rings umschlossene Fläche und gleichmäßige Ebene, durchaus mehr lang als breit, nach der einen Seite 3000 Stadien lang, vom Meere landeinwärts aber in der Mitte deren 2000 breit. Dieser Strich der ganzen Insel lief, nordwärts gegen den Nordwind geschützt, nach Süden.“
Diese Aussage ist für den Fall einer Insel widersprüchlich. Diese Konstellation macht nur Sinn, wenn man an die Stelle von „Insel“ den Begriff „Küstenstreifen“ setzt. Entweder die Ebene ist in der Mitte und von Bergen umschlossen oder an der Küste – dann aber nicht in der Mitte der Insel.
„Dessen nachgeborenen Zwillingsbruder, dem das äußerste, nach den Säulen des Herakles, dem Landstrich, der jetzt der Gadeirische heißt, gelegene Stück der Insel zugefallen war, nannte er in griechischer Sprache Eumelos, in der des Landes aber Gadeiros, was dann jenem Gebiet die Benennung geben konnte.“
Diesem Landstrich Gadeiros kommen folgende Qualitäten zu:
Klassische Atlantik-Atlantologen wollen darin Cadiz in Südspanien erkennen. Nur eines ist klar: Wenn Gadeiros zu Insel Atlantis gehörte muss es dann eine Landverbindung zwischen Atlantis und Europa gegeben haben – womit Atlantis keine Insel mehr wäre.
Ein Teil einer Insel ist eine Insel – wenn ein Teil einer Insel auf dem Festland liegt, kann die Insel wohl keine Insel gewesen sein. Das legt nahe, dass man wohl besser von dem „Landstrich“ Atlantis reden sollte. Diesen Landstrich findet man übrigens oben auf der Karte des Herodot am Schwarzen Meer (Getae, zu deutsch Geten).
Der Schweizer Archäologe Zangger (Atlantis = Troja-Theorie) hat herausgefunden, dass der ägyptischen Hieroglyphe für Insel zwei Bedeutungen zukommen: „Insel“ und „fremdes Land“. So wurden zum Beispiel Teile Libyens als „Insel“ bezeichnet, obwohl es sich um Küstenstreifen handelte. Im Hinblick auf die dargestellten Unstimmigkeiten meinen wir jedenfalls, dass die Bedeutung „fremdes Land“ in diesem Fall sehr viel angebrachter, in jedem Fall „auch richtig“ ist.
Aus Sicht der späteren Übersetzer machte hingegen nur der Begriff „Insel“ Sinn, weil die fremden Länder vermeintlich alle bekannt waren. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein riesiger Küstenstreifen einfach so schlagartig im Meer versinken könnte.
„Diese insgesamt nun sowie ihre Nachkommen beherrschten viele
Menschenalter hindurch noch viele andere im Atlantischen Meere gelegene Inseln
und dehnten auch, wie schon früher berichtet wurde, ihre Herrschaft über die innerhalb
der Säulen des Herakles nach uns zu Wohnenden bis nach Ägypten und Tyrrhenien
hin aus.“
„…und in gleicher Weise wurde auch die Insel Atlantis durch Versinken in das Meer den Augen entzogen. Dadurch ist auch das dortige Meer unbefahrbar und undurchforschbar geworden, weil der in geringer Tiefe befindliche Schlamm, den die untergehende Insel zurückließ, hinderlich wurde.“…
„Damals war nämlich dieses Meer schiffbar; denn vor dem Eingange, der, wie ihr sagt, die Säulen des Herakles heißt, befand sich eine Insel, größer als Asien und Libyen zusammengenommen , von welcher den damals Reisenden der Zugang zu den übrigen Inseln, von diesen aber zu dem ganzen gegenüberliegenden, an jenem wahren Meere gelegenen Festland offen stand. Denn das innerhalb jenes Einganges, von dem wir sprechen, Befindliche erscheint als ein Hafen mit einer engen Einfahrt; jenes aber wäre wohl wirklich ein Meer, das es umgebende Land aber mit dem vollsten Rechte ein Festland zu nennen.
„…hinderte sie, die noch nicht Unterjochten zu unterjochen, uns übrigen insgesamt aber, die wir innerhalb der Heraklessäulen wohnen, gewährte sie großzügig die Befreiung.“
„Dessen nachgeborenen Zwillingsbruder, dem das äußerste, nach den Säulen des Herakles, dem Landstrich, der jetzt der Gadeirische heißt, gelegene Stück der Insel zugefallen war, nannte er in griechischer Sprache Eumelos, in der des Landes aber Gadeiros, was dann jenem Gebiet die Benennung geben konnte.“
Fakten:
Der römische Gelehrte Servius stellt um 400 nach Christus fest: „Durch die Säulen des Herakles fahren wir im Schwarzen Meer wie auch in Spanien“.


Die Säulen des Herakles am Bosporus – und der von ihm gegrabene Kanal

Die neue Sicht auf Atlantis
Prof. Dr. Siegfried G. Schoppe Christian Schoppe, MBA
Hamburg/Frankfurt, den 25. Januar 2005