Eine Indoeuropäische Schrift?!

(Prof. Dr. Siegfried G. Schoppe, Christian M. Schoppe)

Hamburg/Frankfurt a. M. im April 2005

 

Anfang des letzten Jahrhunderts begann man, die längst versunkenen Relikte einer frühen Hochkultur auf dem Balkan zu bergen. Die Archäologen staunten nicht schlecht, als sie wiederholt Zeichen und Symbole entdeckten, sei es auf Tontafeln oder früher Keramik. Man war sich einig: Hier muss es eine Kolonie der Sumerer gegeben haben! Die Sumerer, welche zwischen 3300 und 3200 vor Christus in Mesopotamien heimisch wurden, begründeten nach damaliger Meinung die erste Hochkultur, welche bereits über eine Schrift verfügte. Darüber hinaus entdeckten die Schriftgelehrten Ähnlichkeiten zwischen den in Europa gebräuchlichen Zeichen und jenen Symbolen, die in Mesopotamien vor Einführung der Keilschrift ab etwa 3350 vor Christus verwendet wurden.

 

Dank neuer Datierungsmethoden stellte man später fest, dass die europäischen Relikte nicht – wie ursprünglich vermutet – aus der Zeit um 3000 vor Christus stammten. Die Ergebnisse waren verblüffend: Diese Zeichen stammten aus dem 6. Jahrtausend vor Christus und waren damit 2000 Jahre älter als die ältesten Schriftfunde in der Gegend des früheren Babylon. Ein Bezug zu den Sumerern oder einer Vorläuferkultur in der Region war damit ausgeschlossen. Seitdem ist es, wie der führende deutsche Schriftforscher Harald Haarmann es formulierte, um diese Zeichen „verdächtig still“ geworden.

 

 

Schriftzeichen der Vinca-Kultur

 

Die Gelehrten wollten sich die Sumerer als erste Hochkultur nicht nehmen lassen. Einen weiteren Schlag erlitt die Doktrin von der ältesten Schrift in Babylon allerdings erst kürzlich noch einmal durch den deutschen Archäologen Günther Dreyer. Dieser wies nach, dass die ältesten Schriftfunde in Ägypten aus der Zeit 3400 vor Christus stammen und dass diese damit älter sind als die ältesten Funde im Zweistromland. Es steht wohl zu erwarten, dass Ägypten den Vorsprung im Schlussspurt dieses Rennens noch weiter ausbauen wird.

 

Ähnlichkeiten der europäischen Zeichen wurden nicht nur zu der sumerischen Schrift, sondern auch im Verhältnis zu anderen Schriften wie den Runen oder dem kretischen Linear A festgestellt. Strittig ist aber immer gewesen, ob diese Übereinstimmungen zufällig sind. Jede abstrakte Schrift und Zahlendarstellung beginnt nun einmal mit Punkten, Strichen und Kurven. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass die verschiedenen Schriftensysteme eine gemeinsame Grundlage gehabt haben könnten, andere bestreiten dies energisch. Leider ist die Befundlage insgesamt sehr dünn und die Bedeutungen der Schriftzeichen sind auch nur sehr eingeschränkt bekannt.

 

Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass diese heute so genannte „Alteuropäische Schrift“ das Beispiel einer gemeinsamen Grundlage der verschiedenen Schriftensysteme rund um das Schwarze Meer sein könnte. Hinlänglich bekannt ist inzwischen, dass die Indoeuropäische Sprache aus der Schwarzmeerregion stammt. Die Gelehrten streiten zwar noch darüber, woher genau: Die Antwort darauf ist abhängig davon, welchen Betrachtungshorizont man wählt. Gesichert ist anhand der Sprachhierarche, des Ausbreitungsgebietes und der genetischen Bezüge, dass das Zentrum der indoeuropäischen Kultur am Schwarzen Meer zu suchen ist.

 

„Noahs Teller“ (Petko Dimitrov)

 

So darf es nicht überraschen, dass der bulgarische Marinegeologe Petko Dimitrov an einer früheren Strandlinie im Schwarzen Meer in 120 Metern Tiefe eine jungsteinzeitliche Schale mit Schriftzeichen der Alteuropäischen Schrift gefunden hat. Zusammen mit der von Walter Pitman und William Ryan veröffentlichten Theorie einer Sintflut im Schwarzen Meer um 5500 vor Christus drängt sich der Verdacht auf, dass die Grundlage der indoeuropäischen Kultur nicht „am“ sondern „im“ Schwarzen Meer zu suchen ist.

 

Aufgrund der Qualität und Quantität der Symbole und Zeichen war nicht von der Hand zu weisen, dass eine Schrift in Europa ab 5500 vor Christus existierte. Andererseits war dieser Befund nicht willkommen, weil der gegenwärtige Forschungsstand die Entstehung früher Hochkulturen - bis heute - eher südlich des Schwarzen Meeres ansiedelt. Daher entschloss man sich, fortan von einer „Sakralschrift“ zu reden, einer Schrift, die lediglich religiöse Bedeutung hatte. Dies war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Geschichtswissenschaftler teilweise noch einigen konnten. Auch heute noch wird akademisch geächtet, wer es wagt, von einer echten Schrift zu sprechen. Aus wissenschaftssoziologischer Sicht ist dieses Verhalten der „Forschergemeinde“ nicht neu und nur zu gut zu verstehen.

 

Dabei ist das gegenwärtige Geschichtsbild augenscheinlich auf Dauer nicht haltbar. Bereits ab Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus gab es sozial differenzierte Hochkulturen in Europa, die in Städten wohnten, Kupfer verarbeiteten, weit reichenden Handel pflegten und im übrigen sozial differenziert waren. Insbesondere letzteres ist ein starkes Indiz für eine frühe Hochkultur, die sich ja gerade dadurch vom Stammes- und Dorfleben früherer Zeiten abhebt. Dies waren insbesondere die Vinca- und die Varna Kulturen, denen die Qualität von Hochkulturen zu ihrer Zeit zugeschrieben werden muss.

 

Dass es sich bei den Alteuropäischen Zeichen ausschließlich um eine Sakralschrift handeln soll, ist auch nicht einzusehen. Wenn man sich die Gründe für die Entwicklung von Schrift- und Zahlsystemen rund um den Globus ansieht, kommt man zu dem Ergebnis, dass in der Regel wirtschaftliche Gründe wie das Aufzeichnen von Abgaben und Handelsbriefen ausschlaggebend für die Entwicklung sind. Eric Altschuler kommt zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der gefundenen Zeichen - insbesondere auf der Unterseite von Keramikgefäßen - Zahlen repräsentieren. Dies steht im diametralen Gegensatz zu der propagierten Lehrmeinung, wonach es sich um Fürbitten und Ähnliches handeln müsste.

 

Es ist zwar richtig, dass ein großer Teil der Zeichen in Gräbern gefunden wurde. Daraus zu schließen, es handele sich um eine Sakralschrift, ist aber falsch: Was in Gräbern eingelagert wurde, war dazu bestimmt, lange zu überdauern. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass vielfach Grabbeigaben gefunden wurden, während das alltägliche Leben schon lange tief untergepflügt ist. Niemand würde behaupten wollen, die Schriftzeichen der Ägypter seinen eine reine Sakralschrift, nur weil man die Schriftzeichen vielfach in Gräbern und auf Tempeln findet – auch wenn der Name „Hieroglyphe“ heiliges Schriftzeichen bedeutet.

 

Die Gegner einer echten Schrift unterstellen weiterhin, dass das, was gefunden wurde, die tatsächlich herrschenden Umstände repräsentiert. Hätten alle Kulturen wie die Sumerer und Ägypter ihre Schriftzeichen in Ton gebrannt oder in den Fels gehauen, wäre die Befundlage heute sicherlich deutlich dichter und würde auch zu einem anderen Ergebnis führen. Schriftzeichen auf Tontafeln festzuhalten war aber eine Eigenart der Sumerer, die aus den Umweltbedingungen heraus zu erklären ist. Es bot sich einfach an, auf Lehm zu schreiben. Das Brennen des Materials war vielfach gar nicht gewollt, sondern das Ergebnis von Feuersbrünsten.

 

Niemand wäre so vermessen zu behaupten, die Sumerer hätten nie auf Baumrinden, Leder, Blätter oder andere organische Materialen geschrieben, nur weil man solche Funde nie gemacht hat. Von den europäischen Wikingern weiß man, dass sie eine Schrift hatten. Außer den Runensteinen in Skandinavien hat man aber nicht viel gefunden. Lediglich ein paar wenige gesicherte Baumrinden mit Schriftzeichen lassen erahnen, welches Schicksal die 6000 Jahre ältere indoeuropäische Schrift erfahren hat. Noch heute verrät unser Wort „Buchstaben“, dass es üblich war, Zeichen aus Buchenstäben zu schnitzen; und der „Buchdrucker“ ist kein Handwerker, sondern ein Borkenkäfer.

 

Die deutschen Geschichtswissenschaftler negieren im Bereich der alteuropäischen Hochkulturen alles, was nicht positiv bewiesen ist. Dieses Vorgehen ist zumindest in diesem Fall methodisch falsch und wissenschaftlich nicht haltbar. Da es konkrete Anhaltspunkte für eine voll ausgebildete Schrift, nämlich Schriftzeichen und Übereinstimmungen mit jüngeren Schriftensystemen, durchaus gibt und es wahrscheinlich ist, dass der größte Teil der Schrift verloren gegangen ist, muss die Wissenschaft zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es eine indoeuropäische Grundlage für die verschiedenen Zahlen- und Schriftensysteme gab. Interessanterweise wird die Schriftqualität beim kretischen Linear A gar nicht angezweifelt, obwohl der objektive Befund hier ebenso dürftig ist und das, obwohl das Linear A wenigstens 3000 Jahre jünger ist als die Alteuropäische Schrift und obwohl es teilweise auf den gleichen Zeichensatz zurückgreift.

 

Das Linear A fügt sich aber aus der Sicht der Gelehrten besser in eine fortlaufende Entwicklungsgeschichte ein. Es ist ein - vermeintlich - logischer Vorläufer des Linear B. Die indoeuropäische Schrift widerspricht der Meinung, dass sich die Menschheitsentwicklung ausschließlich aus dem Raum südlich des Schwarzen Meeres heraus vollzog und fügt der Geschichte eine unerwünschte Komplikation hinzu. Die Alteuropäische Schrift wurde gemeinsam mit den frühen europäischen Hochkulturen gleichsam aus den Geschichtsbüchern getilgt, weil alle Früh- und Vorgeschichtler auf den Vorderen Orient fixiert sind; denn hier gab es die ersten spektakulären Funde. Den klimatischen Einfluss auf die Befundlage hat man hingegen bisher unberücksichtigt gelassen.

 

Eine viel beachtete aber auch stark kritisierte Untersuchung von Russell Gray und Quentin Atkinson hat erstmals die zeitliche Entwicklung der indoeuropäischen Sprache eingegrenzt. Sie gehen davon aus, dass Sprachen einem gleichmäßigen Verfall ausgesetzt sind. Aus dem letzten bekannten Zustand wird eine Rückrechnung vorgenommen. So lässt sich ermitteln, wann sich bestimmte Sprachstämme trennten.

 

Nach dieser Untersuchung spaltete sich die Sprache etwa 6700 vor Christus in einen anatolischen und einen europäischen Teil. Der anatolische Teil ist vollständig untergegangen. Etwa 5900 vor Christus spalteten sich diejenigen Sprachen ab, die später im heutigen China untergegangen sind. Die Aufsplitterung des europäischen Teils begann demnach um 5300 vor Christus und fand um 4900 vor Christus einen ersten Höhepunkt. Beachtlich ist hierbei, dass dies durch den archäologischen Befund teilweise gedeckt ist. Demnach gab es nämlich in Europa bis etwa 5000 vor Christus eine recht einheitliche so genannte Bandkeramische Kultur, die danach verfiel.

 

Was der Untersuchung von Gray und Atkinson besondere Glaubwürdigkeit verleiht ist gerade, dass sie sich teilweise auch im Widerspruch zu derzeitigen Forschungsstand befindet. Die frühe Trennung in einen europäischen und einen asiatischen Teil um 6700 vor Christus widerspricht der derzeitigen Lehrmeinung, wonach die Trennung um 6400 vor Christus durch einen Auszug aus Anatolien nach Griechenland erfolgte. Wohl wissend haben die Geschichtswissenschaftler die Flutung des Schwarzen Meeres entgegen allen empirischen Beweisen auf 6800 vor Christus umgedeutet – damit sie den bisherigen Erklärungsmodellen zur Ausbreitung der Sesshaftigkeit und Landwirtschaft nicht in die Quere kommt.

 

Die Gleichzeitigkeit des Auftretens einer relativ einheitlichen europäischen Sprache mit Schrift- und Zahlzeichen in derselben Region provoziert die Frage: Gab es neben der indoeuropäischen Sprache als Grundlage der heute geläufigen Sprachen in dieser Gegend auch eine indoeuropäische Schrift?!

 

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Die Vinca-Schrift bei Wikipedia (englisch) (wird im deutschen Teil stark sanktioniert)

Eric L. Altschuler, The Number System of Old European Script

Sorin Paliga, Vinca Schriftzeichen bei omniglot.com (Old European/Vinca)

Haarmann, Der sakrale Schriftgebrauch in Alteuropa (ca. 5300-3500 v. Chr.)

Einstiegsseite von www.prehistory.it

         Schriftzeichensatz nach Haarmann

         Schriftzeichensatz nach Winn

         Shan M. M. Winn, The Old European Script. Further evidence

         Shan M. M. Winn, The Tartaria tablets and the Lepenski Vir stone

 

 

Ergänzend einige Zitate:

 

  1. Darüber hinaus belegen Konzentrationen bestimmter Verzierungstypen einzelner rekonstruierter Hausbefunde möglicherweise ein Zeichensystem, das neben vielen anderen Faktoren auch eine haushaltsspezifische Komponente aufweist.“ (Okoliste – Grabung und Geomagnetik eines zentralbosnischen Tells aus der ersten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrtausends, von Z. Kujundzic-Vejzagic, J. Müller, K. Rassmann, T. Schüler in: www.jungsteinsite.de, 24. Januar 2004)
  2. „DIE WELT: Der Sprachforscher Harald Haarmann hat unlängst die These aufgestellt, im Schwarzmeerraum habe es schon um 6000 v. Chr. eine Schrift gegeben. MENGHIN: Das ist sehr umstritten. Auf jeden Fall muß es schon früh Mittel der Nachrichtenüberlieferung gegeben haben, seien es Symbole, Ritzungen oder mündliche Traditionen.“, in DIE WELT v. 17. Juni 2005,  S. 28, Die Urgesellschaft hatte Klassen – Der Prähistoriker Wilfried Menghin* über die neuen Funde aus Europas Steinzeit. * Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. [Link]
  3. „Es gibt vielleicht Leute, die erleichtert sind, die Verfechter einer alteuropäischen Schrift auf der historischen Seite dessen, was eine unüberbrückbare Barriere zu sein scheint, festgefahren zu sehen. Wenn die Schrift nicht entziffert werden kann, ist es immer möglich, sie zu bestreiten. Wer sich jedoch vorurteilslos des Themas annimmt, wird ihre Parallelen zur kretischen Schrift und ihre innere Ordnung und Verfeinerung als ausreichende Argumente betrachten, eine alteuropäische Schrift nicht von der Hand zu weisen. Die Annahme einer alteuropäischen Schrift läuft vielen der festgefahrenen Positionen der Archäologie und der traditionellen Ansichten über die Entwicklung der Zivilisation zuwider. Die Implikationen sind ungeheuer. …“, Rudgley, Richard: „Abenteuer Steinzeit“, Randomhouse 2004 [Link]
  4. „Die provozierenden Piktogramme vom Göbekli Tepe werden in der gelehrten Szene dennoch für Unruhe sorgen. Denn schon mit dem Nachweis der von Großarchitektur und Geist weit vor der Sesshaftwerdung mit der ‚Neolithischen Revolution’ und 6000 Jahre vor den Pyramiden hat Klaus Schmidt das akademische Lehrgebäude der Prähistoriker erschüttert. Und nun auch noch ein über elftausendjähriges Nachrichtensystem. ‚Das ist heißes Eisen’, wappnet sich Klaus Schmidt, ‚da bin ich sehr zurückhaltend.’ Aber bei aller wissenschaftlicher Zurückhaltung will er sich eine Schlussfolgerung nicht streitig machen lassen: ‚Die Erbauer vom Göbekli Tepe hatten und nutzten einen komplexen Symbolschatz, mit dem Nachrichten formuliert und hinterlassen werden konnten.’ Nur von Schrift reden wir noch nicht.“ [aber denken es wohl?], Zick, Michael: „Steinzeitliches Nachrichtensystem“, in: DIE WELT, 11. Februar 2006, S. 35 [Link]
  5. Offenkundig standen die Altsteinzeitler kurz vor der Entwicklung einer Schrift. Erst bei den letzten Grabungskampagnen entdeckten die DAI-Forscher eingemeißelte Botschaften auf den mächtigen Kalksteinpfeilern: Tiersymbole, ein aufrechtes und ein liegendes H sowie ein Kreissymbol. Die Zeichen sind angeordnet wie Worte eines kurzen Satzes und enthalten wohl Nachrichten an die Nachwelt.“, Bahnsen, Ulrich „Grundpfeiler des Glaubens“, in: DIE ZEIT Nr. 7, 9. Februar 2006 [Link]

 

à Weitere Informationen zur Vinca-Kultur

à Informationen zur Jungsteinzeitlichen Revolution (Rahmen der Vinca-Kultur)

 

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