Atlantis und die Sintflut

Warum Atlantis nicht 1200 vor Christus versank

 

Neben der Frage „wo lag Atlantis“ ist die Frage „wann spielte sich das Drama ab“ immer wieder von großem Interesse. Genau genommen kann man diese Fragen gar nicht trennen, denn die Umweltbedingungen änderten sich gerade in der diskutierten Zeit durch das Ende der letzten Eiszeit 20.000 vor Christus. Im 10. Jahrtausend vor Christus ragten vor Gibraltar noch kleinere Inseln aus dem Wasser, bis zum Anfang des 6. Jahrtausends vor Christus konnte man noch zu Fuß Großbritannien erreichen und das Schwarze Meer war ein flächenmäßig deutlich kleinerer Süßwassersee; im 5. Jahrtausend vor Christus war die Sahara noch eine bewohnte Steppe und bis 800 vor Christus waren indische Elefanten in Syrien heimisch.

 

Immer wieder geht man nun davon aus, dass Atlantis um 1200 vor Christus versank. Allen voran brachte Spanuth (Atlantis = Helgoland) den Untergang von Atlantis mit dem Auftreten der Seevölker ab 1240 vor Christus in Verbindung. Auch Theorien, die Atlantis auf Kreta, Santorin, Thera oder Troja beziehen, legen eine solche Datierung zu Grunde. „Die Methoden sind jeweils unterschiedlich: Mal wird die Zahl 9.000 Jahre um eine Null gekürzt, mal werden aus den Jahren Monate gemacht, damit die Atlantis-Episode in die Bronzezeit datiert werden kann.“ [Ulrich Magin]

 

Es gibt durchaus konkrete Argumente, die eine solche Datierung unterstützen: So ist in der Sage ausdrücklich das Vorkommen von Bronze beschrieben. Auch kommen Streitwagen vor. Beide Technologien sind erst ab etwa dieser Zeit bekannt.

 

Allerdings beschreibt Plato auch das Vorkommen von Eisen und Dreiruderern. Dreiruderer waren segeltaugliche Schiffe mit drei Ruderdecks. Diese Aspekte sprechen zwar auch für eine sehr späte Datierung; andererseits blühten diese Technologien erst nach der Bronzezeit auf und sind eher für die Eisenzeit ab 800 vor Christus und die Perserkriege typisch.

 

Selbst die Verfechter einer „1200 vor Christus Theorie“ werden einräumen müssen, dass diese Aspekte von Plato später eingefügt wurden, um die Sage auf den technologischen Stand Athens im 5. Jahrhundert vor Christus zu hieven. Damit kommen aber gleichzeitig Bronze und Streitwagen in Bedrängnis, zumal alle diese Aspekte mit der militärischen Verfassung von Atlantis zu tun haben.

 

Zwar wird hin und wieder auf den hohen Entwicklungsstand von Atlantis verwiesen, womit auch weiter entwickelte Technologien denkbar seien; dem ist aber eine klare Absage zu erteilen: Nach Auskunft der Sage waren die Protogriechen wenigstens so weit entwickelt wie die Atlanter.

 

Welche Anhaltspunkte liefert nun eigentlich die Sage und wie sind diese einzuordnen?

 

Zeitangabe

 

Was die konkrete Datierung angeht, trägt die von Plato niedergelegte Sage folgendes vor:

 

„Die Zahl der Jahre aber seit der hier bestehenden Einrichtung unseres Staates ist in der geweihten Schrift auf achttausend Jahre angegeben. Von deinen vor neuntausend Jahren lebenden Mitbürgern nun will ich dir ganz kurz die Gesetze und die schönste Heldentat, die von ihnen vollbracht ward, berichten;“

 

Die Zeitangabe des ägyptischen Priesters ist in zweifacher Hinsicht ungenau. Einerseits spricht er von „neuntausend Jahren“. Dies hört sich nicht gerade nach einer exakten Datierung an. Darüber hinaus spricht er von „seit der hier bestehenden Einrichtung“, was weitere Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Die Gelehrten kommen so auf Untergangsszenarien vom 13. bis 10. Jahrtausend vor Christus. Auf die Details wollen wir nicht weiter eingehen, weil wir den Gelehrtenstreit darüber für belanglos halten.

 

Man kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass ein ägyptischer Priester eine Vorstellung davon hatte, was sich zu jener Zeit abgespielt hat. Die erste sesshafte Bevölkerung ist für Ägypten überhaupt erst ab 5500 vor Christus nachgewiesen, die erste nennenswerte sesshafte Ansiedlung überhaupt erst ab 8000 vor Christus. Man kann auch nicht ernsthaft annehmen, dass vor dieser Zeit bereits eine Hochkultur im heutigen Ägypten existierte, weil diese sicherlich Spuren in der Wüste hinterlassen hätte.

 

Andererseits meinen wir, dass die Besiedlung in Ägypten in der vordynastischen Zeit, also von 5500-3000 vor Christus, eine ganz andere Qualität hatte als man heute vermutet. Im Gegensatz zu Babylon, wo die ältesten Siedlungsreste in der Wüste erhalten wurden, liegen die ältesten Städte in Ägypten heute im Nildelta tief unter der Erde und unter dem Grundwasserspiegel. Der stetige Anstieg des Weltmeeres ließ sie bis 3000 vor Christus im Delta versinken und Küstensenkungen führten dazu, dass heute Teile Alexandrias unter Wasser liegen und dass Sais, der Aufbewahrungsort der Atlantissage, heute wegen des hohen Grundwassers nicht ausgegraben werden kann.

 

So glauben wir, dass die Sage durchaus sehr alt sein kann; sie kann auch von den Einwanderern aus Kleinasien mitgebracht worden sein. Im Hinblick auf die hier verfolgte Argumentation ist aber vor allem folgendes wichtig.

 

Die Ägypter hatten eine sehr genaue Zeitvorstellung ab etwa 3000 vor Christus, die bis heute nachvollziehbar ist. Über die dynastischen Perioden hinweg waren sie in der Lage, anhand von Pharaonen und Regierungsjahren den Zeitverlauf nachzuvollziehen. Hätte der Priester also von einem Vorgang im 12. Jahrhundert vor Christus berichtet, hätte er Pharao und Regierungsjahr genannt.

 

Die Zeitangabe des Priesters ist unseres Erachtens nicht wörtlich zu nehmen, weil gar keine exakte Datierung beabsichtigt war; sie ist vielmehr zu übersetzen mit „lange vor Beginn unserer Zeitrechnung“, das heißt vor 3000 vor Christus.

 

Der Priester spricht auch davon, dass der athenische Staat 1000 Jahre vor dem Untergang von Atlantis gegründet wurde. Auch daraus lässt sich ableiten, dass 1000er nur Zeitalter bedeuten, nicht hingegen genaue Jahresangaben.

 

 

Athener und Ägypter

 

Was auch für viel Verwirrung sorgt ist der Krieg zwischen Atlantern und Athenern. Da Athen erst im 1556 vor Christus gegründet wurde, leiten viele daraus ab, die Atlantissage könne erst dann zeitlich einzuordnen sein. Tatsächlich spricht die Sage aber von einer Vorgängerzivilisation Athens, welche aus Asien stammen soll. Dies ist auch geschichtlich belegt. Man nimmt an, dass die Schutzgöttin Athene aus Anatolien kommend ihren Weg als Palastgöttin über Kreta nach Griechenland gefunden hat. Die ägyptische Göttin Neith, die mit Athene identisch sein soll, wird wohl auch aus dieser Region stammen. Die Sage bezieht sich ausdrücklich auf asiatische Vorfahren der Griechen und Ägypter. Dieses historisch belegte Faktum wird leider viel zu oft ignoriert, weil wir mit einem mittelmeerzentrischen, bronzezeitlichen Weltbild aufgewachsen sind.

 

„Es ist in Ägypten, entgegnete er, im Delta, an dessen Spitze der Nil sich spaltet, ein Gau, der der Saitische heißt und dessen größte Stadt Sais ist, aus welcher auch der König Amasis stammte. Diese Stadt hat eine Schutzgöttin, in ägyptischer Sprache Neith, in hellenischer, wie jene sagen, Athene geheißen. Die Bewohner aber sagen, sie seien große Athenerfreunde und mit den hiesigen Bürgern gewissermaßen verwandt.“

 

„Denn einst, o Solon, vor der größten Verheerung durch Überschwemmung, war der Staat, der jetzt der athenische heißt, der tapferste im Kriege und vor allen durch eine gute gesetzliche Verfassung ausgezeichnet;“

 

„Ferner ist auch die Art der Rüstung mit Schild und Speer dieselbe, deren wir unter den Bewohnern Asiens zuerst uns bedienten, indem die Göttin sie uns, wie euch in dortiger Gegend zuerst, lehrte.“

 

„…;außerdem herrschten sie [die Atlanter] auch innerhalb, hier in Libyen bis Ägypten, in Europa aber bis Tyrrhenien. Diese in eins verbundene Gesamtmacht unternahm es nun einmal, euer und unser Land und das gesamte diesseits des Eingangs gelegene durch einen Heereszug zu unterjochen. Da nun, o Solon, wurde das Kriegsheer eurer Vaterstadt durch Tapferkeit und Mannhaftigkeit vor allen Menschen offenbar. Denn indem sie durch Mut und die im Kriege anwendbaren Kunstgriffe alle übertraf, geriet sie, teils an der Spitze der Hellenen, teils, nach dem Abfalle der übrigen, notgedrungen auf sich allein angewiesen, in die äußersten Gefahren, siegte aber und errichtete Siegeszeichen über die Heranziehenden, hinderte sie, die noch nicht Unterjochten zu unterjochen, uns übrigen insgesamt aber, die wir innerhalb der Heraklessäulen wohnen, gewährte sie großzügig die Befreiung.“

 

Ausweislich dieses Auszuges aus der Sage herrschten die Atlanter über das heutige Ägypten und über die griechische Halbinsel. Interessanterweise ist gerade der Hinweis auf Tyrrhenien ein Schlüssel zur Datierung. Tyrrhener oder Pelasger wurden denjenigen kleinasiatisch geprägten Ureinwohner der griechischen Halbinsel genannt, die ab 1950 vor Christus von den indoeuropäischen Zuwanderern aus dem Norden kulturell überlagert wurden. Tyrrhenien ist also gleichbedeutend mit dem heutigen Griechenland vor dem 19. Jahrhundert vor Christus. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine Ortsangabe, sondern gleichzeitig um eine Zeitangabe: Griechenland lange vor der Gründung Athens.

 

Ginge man von einem athenischen Volk in Griechenland aus, wäre dies der Überlieferung nach dauerhaft von den Atlantern unterworfen gewesen. Ausweislich der Sage blieben sie aber frei – in Kleinasien!

 

Außerdem befreiten die Griechen nach der oben getroffenen Aussage die Ägypter und andere Völker. Dies ist für die Bronzezeit in keiner Weise belegt; ganz im Gegenteil: Die Griechen wurden selbst von den Seevölkern überrannt und beherrscht. Die Ägypter hingegen wurden in ihrer dynastischen Zeit bis zur Aufzeichnung der Sage niemals unterworfen und Ramses III konnte sich der Seevölker in einer legendären Schlacht 1177 vor Christus eigenständig erwehren – ohne die Hilfe der Griechen.

 

„Da habe ein hochbejahrter Priester gesagt: ach, Salon, Solon! Ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, zum Greise aber bringt es kein Hellene.“

 

Schließlich ist es auch unwahrscheinlich, dass der ägyptische Priester, der sich erst über die Griechen lustig macht, ihnen zugesteht, Ägypten gerettet zu haben. Diese Verneigung bezieht sich nur auf die gemeinsamen Bande, auf die Verwandtschaft, die gemeinsame Göttin, die gemeinsame Vergangenheit in Asien, die Ursprünge ihrer gemeinsamen Kultur und die lange vergangene Zeit. Das dynastische Ägypten hätte diesen Kotau vor den barbarischen Griechen nie gemacht.

 

 

Umweltbedingungen

 

Was der Überlieferung hohe Glaubwürdigkeit verleiht, ist die Beschreibung einer Umweltkatastrophe, die sich schleichend über einige Jahrtausende ausbreitete. Die Sesshaftigkeit der Menschen hatte böse Auswirkungen auf die Umweltbeschaffenheit. Durch Rodung für den Feldbau, Verbiss durch Weidetiere und zunehmenden Holzverbrauch durch die Zubereitung von Speisen auf dem Feuer und die Metallherstellung wurden immer größere Flächen der Erosion ausgesetzt. Die Erde wurde von Wind und Wasser abgetragen und führte zu großen Anlandungen an den Flussmündungen.

 

Genau dieser Prozess wird in der Sage detailliert beschrieben. Das zeugt von einer langen und genauen Beobachtung der Verhältnisse vor Ort. In der Sage wird detailliert beschrieben, dass die Berge zu der Zeit noch mit Erde und Wäldern bedeckt waren, dass der Boden die Feuchtigkeit hielt und dass es jedes Jahr reichlich Regen gab. Diese großen klimatischen und ökologischen Veränderungen lassen sich an einem Menschenalter in der Steinzeit oder Bronzezeit nicht festmachen.

 

Dies spricht dafür, dass die Sage lange vorher schriftlich aufgezeichnet wurde. Nur durch das Vergleichen des von der Sage gezeichneten Bildes und der aktuellen Situation lässt sich das plastische Bild erklären, welches Plato von der Veränderung zu vermitteln vermochte. Diese detaillierte Beschreibung kann aus der Geschichtsforschung heraus als absolut wahr angesehen werden.

 

 

 

Prof. Dr. Siegfried G. Schoppe          Christian Schoppe, MBA

Hamburg/Frankfurt, den 27. Dezember 2004

 

 

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